Trans-Ili-Alatau (2010)

Autor: Andre Kunert

Wohin? Wo liegt das denn? Was wollt ihr da machen? – waren die ersten Fragen, wenn wir sagten, wohin es diesen Sommer gehen soll. Nach den ersten erläuternden Worten, dass der Trans-Ili-Alatau ein Grenzgebirge zwischen Kasachstan und Kirgisien ist und in der Landessprache der Name so viel wie „Buntes Gebirge hinter dem Fluss Ili“ bedeutet, ergänzten wir meist, dass im Süden der Issyk Kyl – der große blaue Fleck in Kirgisien auf der Karte – und im Norden in Medeo, ein Vorort von Almaty, das bekannte Eisschnelllaufstation auf knapp 2000m liegen. Nach der groben geografischen Einordnung kamen natürlich weitere Fragen auf. Kirgisien? Heißt das nicht Kirgisistan und waren da nicht irgendwelche ethnischen Unruhen? Da wollt ihr hin? – Ja, warum nicht? Das Gebirge ist landschaftlich extrem reizvoll und im Gebirge werden wir wahrscheinlich froh sein, überhaupt jemanden zu treffen. Vor allem Mutti war daraufhin beruhigt. Der Flug war gebucht und erstmals ging es nicht mit Aeroflot über Moskau nach „Russland“, obwohl man mittlerweile recht bequem von Dresden hätte losfliegen können. Günstiger und inklusive Stadtrundgang in Istanbul ging es nach Almaty – dem ehemaligen Alma Ata, der früheren Hauptstadt Kasachstans. Wider unserer Erwartung und dem uns bekannten zentralasiatischen Sommerwetter regnete es stark, so dass wir unseren Jetlag auch ohne schlechtes Gewissen bis zum frühen Nachmittag ausschlafen konnten. Viel vorbereiten mussten wir ohnehin nicht mehr. Benzin, ein paar Lebensmittel, das Abendbrot und die obligatorische Tupperdose in einem neuen Land mussten besorgt bzw. gefunden werden. Nach einem Tag Anreise konnte es endlich in die Berge gehen – sofern man der Landessprache mächtig wäre oder man wüsste, wo der städtische Linienbus losfahren würde. Später stellte sich beim Studium unseren Tourenbeschreibung heraus, das trotz der mittlerweile vergangenen 15 Jahre die Buslinie und die Haltestelle immer noch aktuell sind, aber man hätte sich halt nicht nur die schicken Bilder anschauen sollen, sondern auch mal den allgemeinen Text durchlesen müssen. Am frühen Mittag hatten wir diese erste Hürde geschafft und standen offensichtlich vor der nächsten, weitaus größeren Herausforderung. 836 Stufen auf die Dammkrone des Medeodamms ragten gen Himmel. Konnten diese noch bei strahlendem Sonnenschein bewältigt werden, schindeten wir uns die anschließenden 1200Hm auf den Talgar-Pass im dichten Nebel und Baulärm hinauf. Pünktlich zum Feierabend der am Hang wuselnden Arbeiter waren wir oben und hatten endlich unsere Ruhe. Im Rahmen der „Asiatischen Winterspiele“ wird das gesamte Skigebiet den internationalen alpinen Abfahrtsbedingungen angepasst. Von den idyllisch gelegenen Zeltplätzen war leider nicht mehr viel übrig geblieben. Der landschaftlich attraktivste Teil der 10tägigen Wanderstrecke sollte in den nächsten beiden Tagen folgen, wenn da nicht das instabile Wetter gewesen wäre. Zwangsweise durften wir den nächsten Tag mit Schlafen und Lesen verbringen. Das hatte natürlich auch etwas Gutes – die noch komplett gepackten Rucksäcke näherten sich langsam einem Gewicht mit einer zwei als Zehnerkilozahl, freilich auch die Bücher ihren letzten Kapiteln. Das Wetter stabilisierte sich und wir konnten steil ins Talgartal absteigen, um dies in den nächsten Tagen wieder aufzusteigen. Als den schönsten Teil der Tour angepriesen, schlürften wir das Talgartal hinauf. Über saftige Almen, durchsetzt mit fotogen platzierten Tienshan-Fichten und mit unzähligen Edelweiß gespickt, schlängelte sich der Pfad immer höher zu den Gletscherzungen, welche nordseitig fast direkt bis auf die Wiesen flossen. Abweisend steil und ziemlich beeindruckend präsentierte sich uns die vergletscherte Nordflanke des Pik ZDKA in der untergehenden Abendsonne. Der nächste Tag versprach Großes – Sebastians erster 4000er, unseren ersten Gletscherpass und neue Landschaft verhieß der Führer. Erwiesen sich die letzten 15 Jahre im städtischen Nahverkehr von Almaty relativ statisch, so waren die letzten Jahre hier oben relativ dynamisch – Stichwort Gletscherschwund. Mittlerweile konnte man fast den gesamten Pass auf Geröll überqueren. Einzig die letzten 100Hm waren mit einem kümmerlichen Schneefeld bedeckt. Wir taten zumindest so, als ob wir Alpinisten wären und legten die Eisgeräte an. Für den namenlosen Gipfel am Pass war die Ausrüstung nützlich, aber für den Pass nur eine Erleichterung des Rucksackes. Die uns entgegenkommende kasachische Familie staunte nicht schlecht über uns und wir bestaunten ihre mit Plastetüten wasserfest gemachten Turnschuhe. Hmm, irgendwie waren wir overequipt, aber es sollte noch ein großer Gletscher mit richtig großen Spalten und einer steilen Gletscherstirn kommen – da werden wir das gesamte Gerassel benötigen, beruhigten wir unser Gewissen. Die nächsten Tage bis zur Grenze konnten vom Pass eingesehen werden – eine trostlose aber bunte Geröllwüste, durchsetzt von kleineren Schneefeldern, erstreckte sich zu unseren Füssen. Viel konnte ich dieser Landschaft nicht abgewinnen, zu sehr erinnerte es mich an die nicht enden wollenden Geröllhalden der Zentralanden. Die von Norden für uns als nicht besteigbar eingestuften Gipfel erwiesen
sich als bSk (sogenannte blöde Schuttkegel, wie wir zu sagen pflegen). Das Spannendste an diesem Abschnitt war das Abend(b)rot, eine Flussquerung und die lustig aussehenden Erdhörnchen. Ansonsten suchte das Auge nach jeglicher Abwechslung. Der Grenzübertritt nach Kirgisien stand bevor, gleichzeitig bedeutete dies auch, dass wir unseren Blick wieder Richtung Süden wenden und wieder spannendere Landschaft gezeigt bekommen. Die um die Jahrtausendwende gebaute Straße erwies sich als überdimensionierter Wanderweg, mit Autoverkehr brauchten wir nicht zu rechnen. Angeblich soll sie zu steil projektiert worden sein, so dass herkömmlichen Autos sie nicht befahren können. Nur einzelne Huf- und Fahrradspuren zeugten für eine zweckentfremdete Nutzung. Unsere Einreise nach Kirgisien interessierte niemanden. Von Polizei oder Zoll war niemand zu sehen. Auf knapp 4000m auf die x verirrten Wanderer zu warten ist wahrscheinlich auch in Asien zu teuer. Wir wanderten weiter in das Tal Tschon-Kemin, eines der größten Flusssysteme in Kirgisien. Fast exakt in Ost-West Richtung ausgerichtet, entspringt der Fluss aus dem Osero Dschasyl Kel, welcher durch einen gewaltigen Murenabgang angestaut wird und zu einem der schönsten Gebirgsseen im Tien Shan zählen soll. Seine Schönheit kann man nicht abstreiten, aber irgendwie wird jeder Nicht-Gletschersee als schick angepriesen. Treffender sollte es heißen „einer der abgelegendsten Seen“. Die Ausrichtung bescherte uns ein Abendessen in der Abendsonne sowie einen Besuch eines Bären in ca. 1km Entfernung. „Upps, was mach’n wir jetzt“ war die erste Reaktion. „Hmm, weiteressen, das Essen wird kalt! Machen können wir jetzt eh nichts mehr. Wenn der will, kriegt der uns!“ „Ok!“ war der ungefähre Dialog zwischen uns. Ab und an vergewisserten wir uns, ob der Bär auch wirklich kein Interesse an uns hatte. Derzeit anscheinend nicht, denn er trollte sich davon. Sebastian wünschte ich noch eine erholsame Nacht, da er auf der Seite schlief, in deren Richtung wir den Bären gesehen hatten, und er somit als Erster, wenn wahrscheinlich auch nur Bruchteile von Sekunden, die Tatze im Kreuz hätte. Am nächsten Morgen stellten wir fest, dass wir noch lebten, aber beide eher unruhig geschlafen hatten. Heldenhaft schoben wir dies auf die ungewohnt tiefe Schlafhöhe von knapp 3000m. Eine schöne Überführungsetappe an den Ak-Su Gletscher stand bevor. Die Luftlinie war im unteren einstelligen Kilometerbereich, aber die Tatsache, dass der Tschon-Kemin selbst schon unmittelbar nach der Quelle nicht mehr furtbar ist, verhalf uns zu einem längeren Umweg über saftige Wiesen, schlüpfertiefe Furten, ein Wiedertreffen mit unserem Bären, welcher sich als hinkendes Yak herausstellte, Sonnenbrand auf der Stirn und eines für diese Region pünktlich zum Nachmittag einsetzendes Gewitter. Mittlerweile war die Anspannung wieder merklich gestiegen – ein Pass-/ Gletschertag mit 1500Hm + Abstieg und speziell bei schlechten Wetter mit schwieriger Orientierung stand bevor. Den in der Beschreibung als schwierig eingestufte Gletscherzustieg konnten wir schon am Nachmittag für als sehr gängig beurteilen, den weiteren Gletscherabschnitt als unterkühlten Wanderweg. Von tiefen Spalten
war weit und breit nichts zu sehen, das Finden des Passes und der beherzte Sprung auf die Seitenmoräne waren die größten Herausforderungen. Ein wenig frustriert stellten wir fest, dass wir ein klitzeklein wenig zu viel Eisgeröddel mithatten – lieber so als andersrum und außerdem „Alles Training!“. Die technisch schwierigsten Passagen liegen hinter uns – nur noch einen Pass hinaufschnaufen und ca. 60km den Tschon-Ak-Su hinunterschlappen. Das perfekte Wetter auf dem Pass ließ noch einen Gipfel zu – im Norden den höheren Geröllhaufen oder im Süden den brüchigen Schutthaufen. Wir entschieden uns für den Flacheren. Nach kurzer Kletterei eröffneten sich atemberaubende Aussichten auf die Gletscher aber die aufziehenden Wolken mahnten uns zur Eile. Pünktlich zu den ersten großen Regentropfen und Hagelkörnern waren wir an den Rucksäcken und konnten uns wetterfest machen. Drei Stunden später sonnten wir uns wieder genüsslich in der Abendsonne vor dem Zelt. Von einem Freund wussten wir, dass es ab jetzt nur noch „ewig weit“ sei. Highlights dieser zweitägigen Etappe waren die Einladung zum Mittag bei einer kirgisischen Hirtenfamilie sowie der abschließende Canyon. Speziell für unsere weimarischen Freunde sind dort ideale Kletterbedingungen. Zum Einem ist die Sicherung direkt aus dem Auto möglich und zum Anderem gibt es das nächste Schaschlik oder Балтика gleich um die Ecke und bei entsprechendem Kleingeld wird das vermutlich auch direkt an den Fels geliefert. Auch uns tropfte der Zahn, als wir immer wieder genötigt wurden, doch eine Pause zu machen und von den frisch zubereiteten Speisen zu kosten – wir wollten schon, aber wir waren absolut blank. Auf dem Zahnfleisch kriechend und tropfenden Zahnes erreichten wir nach 10 abwechslungs- und erlebnisreichen Tagen das erste Dorf, wo uns abschließend ein Taxi zu einem Bankautomaten und zu einer kleinen Herberge brachte. Strand und Schaschlik waren angesagt, aber auch das Ende des Urlaubes. Die Ausreise erwies sich noch ein wenig nervenaufreibend. Einmal wurde ich beim Geocachen durch einen Stacheldraht vor dem einzigen Fund in Kirgisien gehindert und andererseits wollte uns der kirgisische Zoll aufgrund des fehlenden Einreisestempels nicht ausreisen lassen. Die empfohlene Taktik „Виза еcть! Где Проблем?“ klappte nicht mehr. Zum zweiten Mal wurde mir der Pass in „Russland“ abgenommen. Mit der Staatsicherheit und drei Jahren Straflager wurden uns gedroht. Erst einmal das Problem aussitzen – hilft in Russland immer. Aber dieses Jahr halfen die verhornhauteten Pobacken auch nicht mehr. Das Sitzfleisch der Zollbeamten war noch ausgeprägter und unser Flieger wollte auch nicht ohne uns fliegen. Einzig der Devisentransfer für die Beschaffung eines russischen flüssigen Grundnahrungsmittel in Höhe von 100€ konnte die verzwickte Situation nach gut zwei Stunden lösen. Zusammenfassend kann man die Tour jedermann empfehlen. Landschaftlich sehr reizvoll und vor allem abwechslungsreich. Wer es kann und sich auch zutraut, findet schicke Eistouren im steilen Gelände. Einzig die Ausreise hinterließ einen faden Beigeschmack, wobei man mit solchen Sachen in „Russland“ eigentlich immer rechnen sollte.