In den Bergen von Tien-Shan (1998)

Autor: Daniel Groß

Etwas verspätet und gerade noch rechtzeitig vor dem nächsten Urlaub wollen wir über unseren Urlaub im Tien-Schan 1998 berichten. Wir das sind Sören Heinrich und Daniel Groß. Unser Ziel war letzten Sommer die nördliche Kette des Tien-Shan auf der Grenze von Kasachstan und Kirgisien. Obwohl wir von vielen Seiten nur Kopfschütteln und Warnungen erhielten zu zweit in die ehemalige UdSSR in so ein Gebirge zu fahren, waren wir recht optimistisch, da wir aus 2 Jahren Rußlanderfahrung eigentlich nur gutes Berichten zu hatten, zumal sich die Preise recht studentenfreundlich gestalten. Das Hauptproblem war zunächst das Besorgen von gutem Kartenmaterial. Nach einem ½ Jahr sammeln und vorbereiten sind wir dann am 18. September ab Berlin-Schönefeld über Moskau nach Alma-Ata geflogen.
Der uns interessierende Teil des Tien-Shan lag im Grenzgebiet zwischen Kasachstan und Kirgisien. Wir sind zunächst von Alma-Ata zum See Isik-Kuhl gelaufen.
Bei unserer Ankunft am Sonnabend Früh um 6 Uhr in Alma-Ata empfing uns herrlichstes Wetter und da wir eh schon sehr spät dran waren wollten wir sämtliche Formalitäten weglassen und uns gleich in die Berge begeben.
Also wurde nur kurz Benzin getankt und ab ging es mit dem Bus nach Medeo, einem Eislaufstadion in ca. 2000m Höhe. Von hier sind wir dann endlich losgelaufen. Am ersten Tag war allerdings nach 600 Höhenmetern Schluß, denn dann sind wir völlig übermüdet von der Reise für 16 Stunden in unseren Schlafsäcken versunken.
Für unserer erste Tour hatten wir knapp 14-Tage vorgesehen und neben Essen auch Gletscher- und Kletterausrüstung dabei. Trotzdem konnten wir das Gewicht bei 30 Kg halten. Bei zunächst herrlichem Spätsommerwetter wollten wir gleich einen Gipfelsturm versuchen. Unser Ziel war der 4320m hohe Pik-Komsomolla. Wir brauchten zunächst erst einmal 2 Tage um in eine günstige Ausgangslage zu kommen. Von unserem Lager in 3400m Höhe wollten wir dann Gipfelsturm wagen. Zunächst lief alles sehr gut, über Gletscher und steile Geröllfelder sind wir bis knapp 100m unter den Gipfel gekommen. Danach hieß es anseilen undlosklettern. Ein paar alte Haken ließen uns vermuten, daß der Weg nicht ganz falsch ist. Leider mußten wir aber kurz unter dem Gipfel die Sache abbrechen, da der Fels sehr brüchig und die ganze Sache für unser Gefühl zu gefährlich wurde (wir waren ja nur zu Zweit!). Eine herrliche Sicht konnten wir trotzdem genießen.
Die nächsten 4 Tage hatten wir phantastisches Wetter und gingen im Tal des Linken Talgar in Richtung Süden, dem Hauptkamm immer näher kommend. Wir hatten uns für den 4250m hohen Festivalpaß entschieden, der uns dann aber noch erhebliche Probleme bereitete, da ca. 30-40cm Schnee auf dem Eis lagen und nix mehr zu sehen war. Nach dieser fast 15 Stunden Tour über den Festivalpaß gönnen wir Tags drauf einen Ruhetag im Tal des Tschonk-Kemin. Wir sind jetzt auch schon in Kirgisien. Das Wetter ist bis jetzt unverändert schön und wir sind gefesselt von den Dimensionen dieses Tals. Wir sind jetzt schon fast 10 Tage unterwegs ohne irgendwen getroffen zu haben. Nach dem Tag Pause war unsere ursprüngliche Routenplanung schon auf dem nächsten 4000’er Paß. Gewarnt durch den Festivalpaß wollten wir aber erst mal schauen.
Als wir am nächsten Morgen aufwecken hatten wir 20cm Neuschnee über Nacht bekommen, jetzt war uns klar dieser mit 2A eingestufte Paß war nicht mehr zu machen. Also haben wir unsere Sachen gepackt und sind mit weihnachtlichen Gefühlen ca. 30km Talabwärts gelaufen. Hier erst war der nächste einfachere Paß (immer noch 4000m hoch) zum See Isik-Kuhl. Die 30km erschienen uns endlos – es ging über riesige Wiesen immer nur gerade aus und gerade aus. Das Tal ist insgesamt 70km lang. Eigentlich wollten wir in einem Ritt über dem Paß, aber unterwegs sahen wir weit entfernt Gestalten mit langen Stäben – sollten das etwa die Schmuggler mit Gewehren sein, vor denen man uns neben Wölfen und anderen Gefahren gewarnt hatte? Etwas vorsichtig kamen wir den Leuten mit „Gewehren“ entgegen, die sich aber als Vermessertrup entpuppten. Froh endlich mal wieder ein paar Leute zu treffen fingen wir an uns zu unterhalten – der jüngste von den Vieren hatte just an diesem Tag seinen 22. Geburtstag und das mußte gefeiert werden. Also zierten wir uns nicht lange und schlugen unser Lager mit auf. Am Abend haben wir für die Vier unsere Kochkünste bemüht und wurden im Gegenzug von Sergej bewirtet. Unser Tütenmix konnte natürlich nicht mal annähernd mit dem Krauttopf und Brot mithalten. Gezecht wurde natürlich auch ganzordentlich.
Wir erfuhren dann im Laufe des Abends auch, daß durch den Tien-Shan eine Straße gebaut wird. Die Vermesser sind lediglich 4km vor der Bulldozern, oben am Paß standen schon die Sprengeinheiten. Wir konnten es gar nicht fassen, daß durch diese einmalig schöne Landschaft eine Straße gebaut werden soll. Kritisieren können wir das Projekt auch gar nicht, weil dort nur das geschieht, was bei uns schon längst in viel größerem Umfang geschehen ist – es wird uns nur nachgemacht. Etwas bedrückt gingen wir zu Bett, es sollte mit deutlich unter –10°C die kälteste Nacht werden. Am nächsten Morgen waren wir zeitig unterwegs, um rechtzeitig vor der Mittagssprengung über den Paß zu sein. Eigentlich hofften wir vom Paß aus den Issik-Kuhl zu sehen, da wir schon etwas bergmüde waren und Erholung dringend nötig hatten. Aber zunächst standen uns noch 2400 Höhenmeter auf fast 40km Strecke zuvor – die sich unwahrscheinlich in die Länge zogen. Zwei Tage später lagen wir dann am Sandstrand des glasklaren Issik-Kuhl (bedeutet soviel wie warmer See) und genossen das frische Brot mit Obst. Der See liegt auf ca. 1600m Höhe und ist umgeben von den 4000/5000-ern des Tienshan’s.
Der See ist fast 600m tief und hat nur Zuflüsse, deshalb ist er auch ganz leicht salzig. Unterirdisch wird er von warmen Quellen gespeist, deshalb hatte er trotz der Höhe auch angenehme 19°C. Nach zwei Tagen Kartenschreiben und Baden zog es uns schon wieder in die Berge – also ging es mit dem Bus nach Bischkek (ehm. Frunse). Nach einer kurzer Polizeikontrolle auf Drogen, waren wir am nächsten Morgen in der Region Ala-Archa und wollten ursprünglich auf den Gipfel des Pik Korona (4980m). Doch schon am Fuß des riesigen Gletschers haben wir eingesehen, daß wir Anfang Oktober einfach zu spät dran waren. Deshalb bestiegen wir den leichteren 4350m hohen Box Peak (Bild). Am nächsten Morgen warteten erneut 20cm Neuschnee auf uns, wir gaben hier auf und stiegen ab, trampten dann zurück nach Bischkek, um noch am selben Abend in das 80km entfernte Sanatorium Isik-Ata zu fahren. Wir meinten etwas Erholung hätten wir uns verdient, deshalb waren wir die nächsten 3 Tage dann Kurgäste im Tal der heißen Quellen. Gleich am ersten Morgen mußten wir zum Arzt, dem wir erst mal versicherten Gesund zu sein, aber unter dem schweren Rucksäcken zu leiden haben. Deshalb wurden uns heiße Bäder, Schlammpacken und Massage verschrieben – es war toll. Der Großteil der Kurgäste
bestand aus alten Kirgisischen Veteranen und wir mußten unsere Geschichte fast jedem einzeln erzählen. Aber nach den 3 Tagen, die uns je 6 $ gekostet hatten, waren wir dann auch wieder froh mal für uns zu sein.
Nach einem Tag Aufenthalt in Bischkek mit Schneetreiben fuhren wir mit dem Bus zurück nach Alma-Ata, wo wir bei dem russischen Bergsteiger Wowa und seiner Familie unterkamen. Am nächsten Tag ging es dann mit dem Bus zu unserem letzten Trip ca. 250km in Richtung China zu dem Canyon Charin. Das ist eine fast Grand Canyonartige Schlucht mit rotem Sandstein. Da wir den Grand Canyon beide noch nicht gesehen haben, fanden wir es sehr beeindruckend.
Zurück in Alma-Ata genossen wir noch einen Tag das Schlendern durch die Stadt. Am 16. Oktober standen wir dann in der Abfertigung, wo es drunter und drüber ging. Mit Spannung warteten wir darauf, was die Beamten zu unserer fehlenden Registrierung sagen würden. Wir hatten uns vorher ausgemacht Nichts zu verstehen und die Sache mit Engelsgeduld anzugehen, wir wußten ja noch von unseren Dollarreserven in den Schuhen. Die Beamte stellte die fehlende Registrierung natürlich sofort fest und erzählte was von Strafe. Mit „?? ???????“ und viel Geduld gaben die Beamten nach 15min mit uns auf und wir hatten 160 $ gespart.Insgesamt war es ein fantastischer Urlaub und wer etwas Abenteuerlust und Zeit mitbringen kann, der kann in der Ex-UdSSR noch herrliche Gebiete entdecken. An vielen Horrorgeschichten ist sicherlich auch ein Körnchen Wahrheit, aber wir haben in unserer 3-jährigen Rußlanderfahrung keine schlechten gemacht. Und diesem Sommer werden wir im Altai gewesen sein.