Von den Berner Alpen zum Piemont (2002)

Autor: Volker Beer

Allen Wetterkapriolen zum Trotz verbrachte ich auch in diesem Sommer, dem Hochwassersommer 2002, meinen Urlaub in der Bergwelt der Alpen. Zunächst fuhr ich ins Wettersteingebirge, wo ich für die Sektion Altötting eine geobotanische Exkursion übernommen hatte. Spätabends ergatterte ich in Hohenschwangau noch einen Parkplatz, um dann bei Sprühregen und einbrechender Dunkelheit mit Rucksack und einer großen Büchertasche zum königlich – bayerischen Jagdhaus Bleckenau aufzusteigen. Mit einer Moaß empfingen mich die Sektionsmitglieder auf der Hütte und so wurde es noch ein langer, uriger, echt bajuwarischer Hüttenabend. Am nächsten Morgen stiegen wir bei bestem Wetter zum 2047 m hohen Säuling auf, durchquerten herrliche, teilweise uralte Bergmisch­wälder sowie Almen voller Bergblumen. Die klaren Bäche schäumten in ihren naturbelassenen Betten, mäandrierten durch ihre Weiden- und Grünerlenauen und waren ein Paradebeispiel für natürliche Flussbetten. Gleich einer Fata Morgana erhoben sich auf dem Rückweg die weißen Märchenschlösser des Bayernkönigs Ludwig II. über den dunklen Buchen-Fichten-Tannen­Bergmischwäldern.
Am nächsten Tag fuhr ich durch das landschaftlich reizvolle Süddeutschland, am Bodensee entlang nach Bern in die Schweiz, wo ich mich mit Uwe traf. Wir hatten uns Bergtouren in den Berner Alpen vorgenommen. Von der „Bösen Tritt“ am Gspalthorn bot sich uns eine herrliche Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau, jedoch nur, wenn die fluffigen „Blumenkohlwolken“ den Blick freigaben. Wir standen auf gut 3200 m, die Wolkenuntergrenze lag deutlich tiefer, und so wurden wir immer wieder „eingenebelt“. Es war ein schönes Naturschauspiel. Als die „Wölkchen“ dann dicker wurden, traten wir den geordneten Rückzug an. Am Folgetag wanderten wir von der Gspalthornhütte zur Blümlisalphütte. Wieder traten wir den Weg bei bestem Sonnenschein an, nur um die Gipfel türmten sich die gleißendweißen Haufenwolken. Gegen Mittag wurden diese immer dicker, aber im Hochtal herrschte noch das schönste Wetter. So konnten wir unsere Sonnenbrände fleißig „füttern“ und oben zeigte sich ganz fern am Horizont das Hütterl. Dann schwebten wieder diese weißen, fluffigen Nebel um uns. Völlig harmlos, und sie waren auch schnell wieder weg. Der Wind pennte dann endgültig ein, wir steckten nun ständig im Nebel, der langsam unfreundlich grau und feucht wurde. Steil zog sich der Weg unter einer völlig zerfressenen, von Höhlen durchzogenen Felsrippe aus Kalkstein nach oben. Dort musste doch irgendwo diese Hütte sein. So gut es das Gelände erlaubte, beschleunigten wir unsere Schritte. Schwer drückte der Hochtourenrucksack. Die Sicht war mittlerweile auf läppische 5 m geschrumpft, es war mucksmäuschenstill, kein Lüftchen regte sich. Immer noch keine Hütte! Der Weg ist gut ausgetreten. Der Höhenmesser zeigte uns 2750 m an, die Hütte steht aber auf 2850 m. Also weiter auffi, denn zurück sind es mittlerweile gute 5 Stunden! Ein sehr ungutes Gefühl beschleicht mich. Es ist gegen 16:30 Uhr, Hochsommer, aber so dunkel, dass wir unsere Stirnlampen einschalten müssen. Immer noch absolute Totenstille, absolute Windstille und die Atmosphäre kocht wie wild. Es kribbelt. Die Haare stehen zu Berge, der Rucksack flimmert. Alarmstufe rot! Rein in eine Höhle und auf die Seile gegluckt wie eine Henne aufs Nest. Die Höhle ist schön groß und tief. Draußen rauscht es. Es rauscht immer lauter und weiße Tischtennisbälle fliegen umher. Immer mehr, sie springen den steilen Hang hinunter. Grelles Licht zerreißt das Dunkel, gleichzeitig kracht es ohrenbetäubend, dass der ganze Berg wackelt. Dann geht es Schlag auf Schlag. Eine moderne Disco ist dagegen nur ein leises Flüstern. Es blitzt und kracht wie wild. Eis und Wasser sprudeln, zischen und gurgeln zu Tal, junge Felsen auch gleich mit. Nur gut, wir sitzen in der Höhle, durchs Seil gut isoliert gegen Erdstrom. So, nun weiß ich, wie es in einem stratosphärischem Kumulonimbus zugeht. Die Experimentalvorlesung in Meteorologie dauerte eine gute Stunde. War doch „bloß“ ein Wärmegewitter. Die Sonne brach durch die Wolkenfetzen und über uns tauchte eine triefende Hütte aus dem Gebrodel. Anderentags stiegen wir erst mal ab und setzten um. Ziel waren die südwestlich gelegenen Trockentäler, denn von Italien kam ein dickes Tief, das sich überm Mittelmeer so richtig vollgetankt hatte. Die „Wolkenzeichen“ am Morgenhimmel waren überdeutlich, also bloß hier runter! Nach der gestrigen Erfahrung mit so einem „winzigen“ lokalem Wärmegewitter „verzogen“ wir uns doch lieber in die sicheren Trockentäler und sahen uns bei bestem Sonnenschein die Kulturen im Wallis und im Piemont an. Aber zunächst stiegen wir über den Oeschinensee nach Kandersteg ab. Als wir den Bahnhof erreichten, setzte der Regen ein. Ein Zug brachte uns nach Bern. Dicke Wolken, Regen über den Bergen und Schauer in der Stadt veranlassten uns, am 1. August einen Sightseeingtag einzulegen. Bern zeigte sich prächtig herausgeputzt, denn die Schweiz feierte ihr 711 – jähriges Bestehen. Das Bundeshaus, das Schweizer Parlament, war geöffnet und wir konnten durch die Parlamentsräume gehen und auf den Stühlen, oder sollte ich vielleicht besser Sesseln schreiben, der schweizer Abgeordneten und Parlamentarier Probe sitzen. In allen Straßen wurden Volksfeste gefeiert, Kapellen spielten auf und am Abend gab es zum Abschluss des Festes ein gigantisches Feuerwerk.
Am nächsten Morgen war der Himmel über der Stadt und dem Berner Oberland wieder blau. Nur über den hohen Berggipfeln der Alpen quollen noch mächtige Wolken. So fuhren wir mit dem Postauto ein Stück ins Oberland und wanderten über die offene Weidelandschaft. Einzelne Gehöfte lagen verstreut in der weitläufigen Landschaft, braunbuntes Vieh weidete bimmelnd. Weit schweifte der Blick übers Emmental. Durch lichte Bergwälder stiegen wir zum reichlich 2000 m hohen Gemmenalphorn auf. Der Weg führte durch ein großräumiges Schutzgebiet, in dem sich die sonst ach so scheuen Steinböcke schon an die Wanderer gewöhnt hatten. Bis auf 2 oder 3 m konnten wir an die Tiere herantreten. Schnell fotografierte ich einen ganzen Film herunter, aber die Steinböcke blieben unbeeindruckt stehen. Das Leittier stand mitten auf dem Wanderweg und wir umgingen den alten, störrischen Bock. Vom Berggipfel sahen wir auf den etwa 1500 m tiefer liegenden Thuner See. Die 4000er steckten noch in den sich zögernd lockernden Wolken.
Eine leichte Wetterbesserung vor dem unaufhaltsam vom Golf von Genua heranziehenden Monstertief ließ uns einen Vorstoß zu den Leeseiten der Bergketten unternehmen. Per Bahn und Postauto erreichten wir einen kleinen Ort unterhalb des Nufenpasses. Wir stiegen über die mit seltenem Purpurenzian übersäten Wiesen zum Nufenpass, der in dicker Nebelsuppe steckte, auf. Sprühregen wechselte mit leichtem Dauerregen. Klatschnass erreichten wir die Grieshütte. Am Abend frischte der Wind auf und riss die schwere Wolkendecke fort. Anderentags hingen dicke Nebelballen zwischen den Gipfeln. Über den inneralpinen Trockentälern lugte blauer Himmel. In den nächsten Tagen wanderten wir über die verschiedensten Pässe, wie Cornopass, Passo de Gallo, Passo Scatta Minoia auf das südliche Wallis zu. So zogen wir von Hochtal zu Hochtal, stets im Sonnenschein, dicke Kumulonimben im Rücken. Die hohen Gipfel steckten in gewaltigen Fönwalzen und superdicken Gewittern. Wollte das Wetter zusammenbrechen, entwischten wir dem Regen über einen Sattel ins nächste Trockental. So führten wir die Gewitter gut eine Woche an der Nase herum und holten uns statt dessen zünftige Sonnenbrände. Auf diese Weise überschritten wir die Grenze zu Italien und gelangten, natürlich über einen Pass, ins sonnige Piemont. Im Tal duckte sich der Ort Crampiolo. Die Häuser aus massiven Naturstein, die Dächer mit massiven, dicken Natursteinplatten gedeckt. Kleine Fenster mit Blumenkästen davor. Der Ort vermittelt noch einen sehr ursprünglichen Eindruck. Wir bezogen unser Lager in einer Herberge und saßen abends in der mit rustikalen Möbeln ausgestatteten Schankstube am prasselnden Kaminfeuer bei einheimischem Rotwein. In der Folgezeit durchquerten wir das mit Lärchen und Zirben bestandene Hochtal. Erst auf dem Weg zurück in die Schweiz tauchten wir am Passo della Rossa in die feuchten Nebelschwaden ein. Aber der Bergpfad führte uns bald steil hinab nach dem Ort Binn im Wallis. Braune, dunkle Holzhäuser lagen in der Sonne am Hang. Eine bogige Brücke überspannte einen Gebirgsbach. Wir waren in einem völlig anderen Kulturbereich angelangt, aber das schöne Wetter blieb auch hier unser Begleiter. Der Urlaub ging langsam aber sicher zu Ende und so blieb nur noch der Safischpass zu überschreiten, bevor wir ins Rhonetal nach Brig abstiegen. Das breite, tiefe Tal lag in gleißender, flimmernder Sommerhitze. Eine Gastwirtschaft lud zur Rast und ganz zögernd tauchte das Fletschhorn aus den Wolken. Die letzten Fotoaufnahmen wurden geschossen. Wir hatten den Wettlauf gegen das schlechte Wetter vorerst gewonnen. Oder hatte das Tief nur eine andere Zugbahn genommen?
Auf dem Rückweg legte ich noch bei meiner Verwandtschaft in Prien einen „Boxenstopp“ ein. Dort holte mich das schlechte Wetter ein und durch das Fernsehen erfuhr ich, dass während unseres Urlaubs die Alpen im wahrsten Sinne des Wortes „abgesoffen“ waren. Am Sonntag fuhr ich dann schon im späten Vormittag gen Sachsen, da die A8 bereits überflutet wurde. Vom Münchner Ring guckten nur noch die Leitplanken raus. Langsam tuckerte ich gen Norden und kam mir dabei wie ein Kapitän auf hoher See vor. Am Abend erreichte ich das krachetrockene Leipzig. Am Montag Morgen (12.8.) wurde ich unsanft geweckt, denn in meiner Küche schwabbelten so an die 100 l der leichten Sommerbewölkung. Diese goss ich in die Spüle. Nun, passiert ist weiter nichts, nur die Küchendecke ist mit einem abstraktem „Wolkenmuster“ geziert. Später erfuhr ich dann durch den Rundfunk, dass die sächsischen Mittelgebirge mittlerweile samt aller Infrastrukturen in die Nordsee gespült wurden.