Bolivien/Peru (2001)

Autor: Daniel Groß

Schon lange spukte mir und Sören die Vorstellung von einem langen Bergurlaub durch den Kopf. Das so etwas nicht einfach so klappt war uns klar und so haben wir beide unsere Auslandspraktika Ende März zeitgleich beendet, um anschließend 3 Monate zu klettern, ohne das Ende des Urlaubs vor Augen zu sehen. Ziel war nach einigem Hin und her Südamerika, genaugenommen die bolivianischen und peruanischen Anden.

Endlich und eigentlich auch leider war nun das Ende meines Praktika in den USA bei einer Chipfabrik in Pocatello, Idaho heran und ich war schon ganz aufgeregt. Stimmte die Ausrüstung, haben wir uns zu schwere Ziele ausgesucht und vor allem werde ich die Sprache meistern. Genaugenommen sprach ich kein Word Spanisch und jeder Reisführer schrieb: Spanischkenntnisse sind essentiell.
Mit reichlich schwerem Gepäck – ich hatte Kletterausrüstung für alle erdenklichen Situationen dabei, sollte es mit dem Bus um Mitternacht von Pocatello in Richtung Salt Lake City gehen. Zuvor traf ich mich noch einmal mit den Alex, Meta, Melissa, Jesse, Pepe, Pirko und den ganzen netten Leuten, die ich den 3 Monaten kennen gelernt hatte. Als es dann soweit war und ich in den Bus steigen musste, sagte mir Melissa, dass sie mich am nächsten Morgen mit ihrem Auto nach Salt Lake City fahren würde. Ein paar Stunden Aufschub vor dem Abschied.
Nachmittags am 5. April 2001 saß ich dann endlich im Flieger nach Lima in Peru. Eine eigenartige Stimmung machte sich in mir breit – die nächsten 3 Monate standen mir und Sören fast alle Möglichkeiten offen und ich freute mich schon so lange darauf und zugleich war die Zeit in Pocatello gerade zum Ende hin so schön geworden. Klettern in Red Rocks Nevada, Skifahren mit Mike, feiern und Snowboarden mit Mike und nicht zuletzt die vielen netten Leute.
Jetzt hieß es jedoch erst einmal nach La Paz in Bolivien kommen, wo ich mich mit Sören treffen wollte. Davor grauste mir schon die ganze Zeit, ich war alleine Unterwegs mit irre viel Gepäck (fast 40kg) und zugleich konnte ich kein Wort Spanisch. Mir spukten die Geschichten von Leuten herum, die überfallen wurden – trotz großer Vorsicht. Ich sah Touristen mit Drahtseilnetzen und Schloss, um den Rucksack vor Messern zu schützen.
In Lima auf dem Flughafen beschloss ich gleich einen Anschlussflug nach Juliaca am Titicacasee zu nehmen. In Pocatello hatte ein Freund von mir aus Bolivien noch seinen Bruder, der in Lima wohnte, beauftragt mich vom Flughafen abzuholen und etwas beim Start zu helfen. Und so saß ich 3 Stunden später wieder im Flieger in Richtung Bolivianischer Grenze.
Ich war noch sehr vorsichtig und versuchte zwar etwas teurer immer sichere Transportmittel und Unterkünfte zu wählen, hatte aber keine rechte Freude dabei, weil ich mit samt den anderen Touristen von einer Reis-, Zimmer- oder Busvermittlung zu anderen gereicht wurde. Das war eigentlich nicht die Art des Reisens, die ich bevorzugte. Und so nutzte ich zunächst jede freie Minute um ein paar grundlegende Floskeln Spanisch zu lernen.
Ich war inzwischen auf fast 4000m Höhe. Der See Titicaca liegt auf einer Hochebene in den Anden, dem Altiplano. Bei einem abendlichen Spaziergang durch die kleine Stadt Puno, machte sich die Höhe auch sofort bemerkbar. Zunächst fühlt man nichts und bewegt sich mit der üblichen Geschwindigkeit, bis man völlig überrascht von der Luftnot verschnaufen muss.
Am nächsten Morgen fuhr mein Bus in Richtung peruanische Grenze. Die Grenze mussten wir per Pedes passieren, weil der Bus nicht durchfahren durfte und wahrscheinlich wegen der schlechten Strasse auch nicht gekonnt hätte. Der Anschlussbus fuhr nun durch die schier unendlichen weiten des Altiplano in Richtung La Paz. Am Rand sah ich nur sehr ärmlich Hütten und die weite wurde durch die Schneebedeckten Gipfel der Cordiliera Real begrenzt. Unterwegs sah ich zwei umgestürzte Kleinbusse, das übliche Transportmittel in den Anden. Die Busse sind meist völlig überladen. Statt 6 Leuten wie in Europa haben wir dann bis zu 26 Leute in einem VW-Bus gezählt. Das gesamte Gepäck wir auf dem Dach meterhoch gestapelt und in Verbindung mit den absolut Profillosen Reifen ist es erstaunlich, dass ich nur zwei umgestürzte Busse gesehen habe. Ich ahnte hier schon, dass der eigentlich gefährliche Teil des Bergsteigens, der Transport zum Berg mit solchen Bussen werden wird.
Gegen Abend nahm die Anzahl der Siedlungen / Slums am Straßenrand zu und wir näherten uns La Paz. Ich war zunächst entsetzt, wir bogen auf einmal von der Hauptstraße ab und fuhren zwischen Slums und Müllkippen bestimmt 1 Stunde in fast Schrittgeschwindigkeit weiter. Das war also La Paz? Nicht ganz. Auf einmal tat sich vor uns ein riesiges steiles Tal auf und die Stadt fiel aus dem Altiplano nach unten ab. Die Häuser wurden besser und schöner. Was ich zuvor gesehen hatte waren die Vorstädte und Slums von La Paz.
Der Bus endete direkt im Zentrum – ich schnappte meine Rucksäcke und machte mich mit Hilfe einer kleinen Karte direkt zu der verabredeten Pension. Hier wollten Sören und Ich uns in zwei Tagen treffen.
Um das Gepäck erleichtert konnte ich mich die nächsten 2 Tage an das Leben, die Märkte und die Sprache auf den Straßen herantasten.
La Paz ist mit ca. 3800m die höchste Millionenstadt der Welt. Wer reich ist wohnt weiter unten im Tal, die Ärmsten wohnen in den Slums ganz oben in über 4000m Höhe auf dem Altiplano. Die Stadt ist beeidruckend, die Häuser kleben in dem steilen Tal am Rand. Den Hintergrund bilden die 6000er Illimani und Hyana Potossi. Die Straßen sind ein einziger Markt und voll mit Menschen und Touristen.
Zwei Tage später gab es ein großes Hallo, auf einmal saß Sören, den ich mehr als ein halbes Jahr nicht gesehen habe in meinem Zimmer. Er war per Bus und Zug aus dem brasilianische Dschungel gekommen. Die ersten zwei Tage verbrachten wir mit erzählen und akklimatisieren. Es war schon ein mächtiges Geschnaufe, wenn wir den Berg zu unserer Pension hochgingen.
Anschließend kamen die Märkte dran, wir mussten Essen für unsere erste Bergtour kaufen, was glatte 2 Tage beanspruchte. Die Stadt war ein einziger Markt, aber um bestimmte Sachen zu bekommen, musste man genau wissen welche Strasse was verkaufte. So gab es Stadtviertel mit Werkzeugen, Kosmetikartikeln, Teigwaren, Gemüse, Maggisuppen usw. – aber finden!
Aber endlich ging es los. Unser erstes Ziel war der Condiriri, eine wunderschöne Pyramide in der Cordiliera Real. Wir fuhren soweit wie nur möglich mit den Bussen über das Altiplano an den Berg heran. Zuletzt trennten uns nur noch 40km Hochebene. Wir fragten in dem Dorf herum und fanden tatsächlich einen alten Jeep, der uns für ca. 20 DM fahren wollte. Die Fahrt war zwar landschaftlich atemberaubend. Leider konnten wir die Fahrt kaum genießen, die Fahrer hatten eine Schrottflinte und während einer mit der Munition jonglierte, übte sich ein anderer mit dem Zusammenbau des Gewehres. Wir sahen uns schon ohne Gepäck in der Wüste stehen, aber die Leute waren freundlich und so machten wir gleich noch den Rücktransport in 10 Tagen aus.
Endlich waren wir alleine und am Horizont zeigt sich bereits die mächtige Schneepyramide des Condiriri. Irgendwie hatten wir schon etwas bedenken – war das eine Nummer zu schwer? Aber zunächst mussten wir in unser 4700m hohes Basislager an einem schönen See gelegen. Wir hatten inzwischen ganz schön an der Höhe zu knappern, schnell mal auf die Toilette fühlte sich an, wie nach einem langem Sprint. Auch mit Kopfschmerzen hatten wir zu kämpfen. Die ersten Tage machten wir daher leichtere Akklimatisierungstouren, die aber ohne Probleme unsere eigenen Höhenrekorde in den Schatten stellten. Obwohl wir völlig alleine waren, kam am 2. Tag ein Dorfbewohner, die unser Kommen natürlich registriert hatten, und bot sich an unser Zelt zu bewachen, während wir auf Tour waren. Tja uns kam das ein klein wenig wie Erpressung vor. War es auch – also bezahlten wir pro Tag 2 DM und hatten einen fortan einen „Zelthund“. Mit der Zeit wurden unsere Kopfschmerzen weniger und wir unternahmen einen ersten Versuch den C. zu erklimmen – zunächst hielt uns schlechtes Wetter ab. Der zweite Versuch gelang uns bis zu einem markanten Gratsporn 100m unterhalb des Gipfels. Der Weiterweg über den messerscharfen aber wenig stabilen Grat schien uns zu gefährlich, so dass wir hier unseren Gipfel definierten. Während der nächsten Tage wagten wir noch einige kombinierte Felsrouten. In einer verlor ich eine Zahnplombe. Nach 10 Tagen waren wir wieder zum vereinbarten Treffpunkt gelaufen und hofften, dass die Verabredung klappte. Wir warteten schon 2 Stunden und versuchten uns schon mental auf den 40km Marsch einzustimmen, als unsere Fahrer erschienen. Diesmal genossen wir die Fahrt in vollen Zügen und freuten uns auf das leckere Essen in La Paz. In den ersten 10 Tagen habe ich 5 kg abgenommen, weil unser Essen insgesamt nicht allzu lecker war.
Zwei Tage mit La Paz, wir genossen den Film Vertikal Limit – ein absolut unrealistischer Hollywoodfilm über das Bergsteigen. Wir haben uns bestens amüsiert. Gleich darauf haben wir unseren ersten 6000er in Angriff genommen. Den Hausberg von La Paz. Der 6018m hohe Hyana Potossi. Innerhalb von 2 Tagen sind wir oben gewesen. Vom Gletscherlager auf ca. 5200m Höhe, wo noch einige geführte Touren lagerten, sind wir halb drei Morgens bei furchtbarer Kälte als letztes Team losgezogen. Noch kurz vor dem Sonnenaufgang standen wir dann als Erste 5:30 auf unserem ersten 6000er. Der Abstieg war schnell erledigt, aber unsere Pläne, den nächsten Tag auf einer schwereren Route den Gipfel zu erreichen, wurden durch schlechtes Wetter vernichtet.
Inzwischen hatte sich die Stimmung in La Paz etwas zugespitzt. Schon bei der Hinfahrt musst der Busfahrer einen sehr abenteuerlichen Pfad aus der Stadt wählen. Wir mussten sogar einige Male aussteigen, damit der Bus die steilen Schotterpisten bewältigen konnte. Ursache war ein Streik der Campocieras – den Bauern des Landes. Sie fühlten sich durch ein Programm der Regierung, welches den Anbau der Kokapflanze verbieten sollte, in Ihrer Existenz bedroht. Boliviens Landbevölkerung lebt zum großen Teil vom Export der Kokapflanze, ein sehr anspruchsloses Gewächs, welches traditionell in den Anden angebaut und konsumiert wird. Die bolivianische Regierung handelte wiederum auf den Druck der USA, die mit Verbot des Anbaus das Drogenproblem in den USA in den Griff bekommen wollten.
Fakt war, dass die Bauern streiken und es zu längeren Straßenblockaden kommen kann. Im Jahr zuvor war das Land fast 4 Wochen völlig parallesiert. Die ganze Situation schien zwar nicht direkt gefährlich, aber die Deutsche Botschaft, Einheimige und andere Touristen rieten uns Bolivien nach Möglichkeit zu verlassen.
So ließen wir unsere Pläne für den Illimani und die große Salzwüste fallen und reisten in Richtung Titicacasee. Zuvor mussten wir natürlich noch einmal der Ursache für den ganzen Rummel auf den Grund gehen. Die Kokapflanze wird zur Herstellung von Kokain einem starkem Rauschgift verwendet. Das war uns ein klein wenig zu viel, aber traditionell werden die Kokablätter gekaut und zum Tee brauen verwendet, sie sollen gegen Schmerzen, Hunger und Höhenkrankheit wirksam sein. Also sind wir auf den Markt gezogen, haben eine Tüte dieser Blätter erstanden und uns auch die Anwendung erklären lassen. Für das Kauen wird zunächst eine schwarze Masse (soll eine Art Asche sein) als Katalysator mit einigen 5-10 Blättern umwickelt. Diese sorgfältig gewickelte „Kokaroulade“ wird vorsichtig gekaut. Gesagt getan, am Abend im Zelt war es so weit. Zunächst passierte überhaupt nix und wir kauten wie wild, es entstand eine unangenehme grüne spinatartige Masse im Mund, die wir vor unserem Zelt ausspuckten [Sah nicht so hübsch aus!]. Den einzigen Effekt, den wir finden konnten war eine taube Wange – so wie beim Zahnarzt. Ansonsten fanden wir die Sache nicht so toll. Den Tee hingegen haben wir den Rest des Urlaubs immer genossen.
Bei der Fahrt nach Puno verlor unser Bus mit lautem rumpeln etwas von unserem Dach, wir fürchteten schon um unsere Rucksäcke. Es war aber lediglich die Leiter, welche in einigen Stromleitungen hängen geblieben war. Aber kein Problem, die Leiter war ja noch ganz, also schnell aufladen, bevor jemand die defekten Leitungen bemerkt und weiter ging es.

In Puno am Titicacasee – dem mit 3800m höchstem schiffbarem Binnensee der Welt – machten wir etwas Ruhe, buchten eine Rundfahrt über den See, übernachteten auf einer Insel. Ich musste meinen Bauch vom Durchfall auskurieren. Fast eine Woche versuchte ich es mit allerlei Sachen, darunter auch Medikamenten aus Deutschland – bis ich endlich das lokale Medikament besorgte. Die Tabletten schlugen sofort an und nach 2 Tagen war alles vorbei.