Altai (1999)

Autor: Daniel Groß


Kleiner Reisebericht von unserem Urlaub im Altai 1999. So los geht’s; wir waren zusammen 5 Leute aus Dresden und Weimar und hatten volle 6 Wochen Zeit, um den fernen Altai zu erkunden. Zuerst ein paar geographische Informationen. Der Altai liegt in der Grenzregion von Rußland, China, Mongolai und Kasachstan – also ein richtiges 4 Ländereck. Der Altai ist eine autonome Region und verwaltet sich selbst. Er hat in etwa die Größe der ehemaligen DDR, aber nur knapp 300`000 Einwohner.
Also der beste, weil einzige Ausgangspunkt für den Altai ist die Stadt Gorny Altaisk, um dort hinzukommen, waren wir aber zunächst 2 Tage unterwegs. Los ging es von Berlin-Schönefeld nach Moskau und von dort weiter nach Novosibirsk. Wir hatten allerdings noch einen unplanmäßigen Zwischenaufenthalt in Kransnojarsk, weil schlechtes Wetter in Novosibirsk war, dann fehlte das Kerosin….und die Zeit verrann, aber irgendwann waren wir dann in Novosibirsk angekommen. Hier sind wir gleich in den Nachtzug nach Bisk gesprungen um am nächsten Morgen per Bus im Altai anzukommen.
Und hier beginnt jetzt eine noch mal 2-tägige Reise durch die Täler des Altais mit Bussen über Fahrwege. Die letzten 70km bis nach Kutscherla sind wir auf der Ladefläche von einem LKW mitgefahren. Kutscherla ist ein absolut idyllisches Dorf, was den Eindruck einer Zeitreise ins vorherige Jahrhundert vermittelt. Jedes Haus hat eine Sommerküche, die meist mit Rindendach abgedeckt ist. Ansonsten gibt es wie überall im Altai vor allem eins reichlich: Holz! Im Dorfladen von Kutscherla gab es jeden Tag etwas anderes, einmal Brot, einmal Wodka oder mal eine Flasche Speiseöl, aber das war es meistens schon. Wir schlugen unsere Zelte am Fluss auf, den dies war der letzte Stützpunkt der Zivilisation vor unserem Gipfel, der Belucha. Die Belucha ist mit 4506m die höchste Erhebung im Altai und natürlich das Ziel unserer Wünsche.
Schon auf dem Hinweg sind wir auf die Idee gekommen Pferde zu mieten und so zum Basislager zu reiten. Im Dorf fanden wir auch ganz schnell jemanden der die Sache bis zum nächsten Morgen organisieren wollte. Diese Rechnung ging natürlich nicht auf und nach anderthalb Tagen warten und hinhalten zogen wir dann ohne Pferde los. Am nächsten Morgen wurden wir aber überrascht, den unsere Führer wollten sich das Geld nicht entgehen lassen und sind uns nachgeritten. Für uns 5 Leute hatten wir 7 Pferde und 2 Guides. Zum Anfang wurde uns erst mal erklärt, wie ein Pferd nun zu bedienen sei und alles Gepäck in den Satteltaschen verstaut. Die Hengste, die wir hatten mussten ganz schön schleppen, mit uns Gepäck und Zaumzeug um die 110kg. Es ging aber dann irgendwie schwankend los und man hatte sich bald an sein Ross gewöhnt. Es war absolut erstaunlich wie gut die Pferde in dem komplizierten Gelände (steil und voller Modder) zurechtkamen. Zum Anfang ist man sehr misstrauisch, wenn das Pferd mit seinen 2 Vorderhufen auf einmal kräftig ausrutscht – aber der Gaul hat ja 4 Hufen.
Also wir sind hoch zu Rosse zum Osero Akemskoje (2000m) geritten – das Reiten hat zwar mächtig viel Spass gemacht, aber am 2. Tag hatten wir ein saumäßiges Wetter mit Schneeregen und man bewegt sich ja kaum – es war also hundekalt und wir waren alle recht froh endlich wieder abzusteigen. Am nächsten Morgen waren wir dann erst mal eingeschneit und haben deshalb zunächst nur eine Erkundungstour auf den Gletscher gemacht – am Nachmittag hat dann noch einmal die Sicht aufgeklart und vor uns „stand“ die fast 2000m hohe senkrechte Nordwand der Belucha – beeindruckend. Von hier aus gesehen sah die Belucha völlig unbegehbar aus. Der Weg auf dem Gletscher war sehr beschwerlich, da 50cm Neuschnee das Geröll nahezu unbegehbar machten. Am nächsten Morgen sind wir dann mit etwas reduzierten Gepäck zu einer Biwakschachtel aufgestiegen, die laut ein paar Erzählungen dort oben in ca. 3100m Höhe sein sollte. Wir hatten den ganzen Aufstiegstag ca. 50m Sicht und standen auf einmal mitten in dem Spaltengürtel vom Gletscher. Wir brauchten einiges an Zeit, weil wir an jeder Spalte langwierig queren mussten, bis wir einen brauchbaren Übergang gefunden hatten, aber irgendwann tauchte dann endlich die Hütte auf und wir waren Heilfroh.
Nach dem Einzug in die Blechbüchse stellte sich heraus, dass Anja sich die Zehen angefroren hatte. Bei Sören sind die Socken im Schuh festgefroren gewesen – er hat die Socken nicht mehr rausbekommen. Die Stimmung war dementsprechend auf dem Gefrierpunkt, zumal draußen so um die -8 °C waren. Am nächsten Tag, war das Wetter wieder furchtbar und wir haben uns nur Erholt. Am Abend kam dann noch eine Gruppe Russen, so dass die kleine Hütte völlig überfüllt war. Wir haben uns dann aber schließlich doch noch aufgerappelt wenigstens einen Gipfelversuch zu unternehmen. Anja wollte mit den Russen in der Hütte bleiben. Der Aufstieg zum Gipfel war laut unserer Beschreibung von hier noch eine 2 Tagestour. Da die Verhältnisse so winterlich waren planten wir für 3 Tage. Wir packten Essen für 3 Tage, ein kleines 2 Mann Zelt für 4 Leute und das nötigste Kletterzeug ein. Wir sind dann morgens kurz vor 6 losgelaufen und auf einmal war bestes Wetter. Das Spuren auf dem Gletscher war sehr anstrengend, da man mit jedem Schritt wegsackte und wir wünschten uns Skier. Am Ende des Gletschers war ein Pass mit einer 45 Grad Eiswand die ca. 200m lang war. Das sollte laut unserer Beschreibung die technische Schwierigkeit des Aufstieges darstellen. Oben angekommen hatten wir alle ziemlich eisige Füße und der Weiterweg (immerhin noch 1½ Tage) sah nach extrem viel Tiefschneespurarbeit aus. Deshalb haben wir dann an dieser Stelle Schluss gesagt. Wir haben dann noch einen kleinen Gipfel vom Pass aus gemacht, der war immerhin auch 3800m hoch und hieß Pik der Tomsker Studenten, außerdem hatten wir einen fantastischen rund um Blick.
Am nächsten Morgen sind wir dann wieder bei herrlichem Wetter durch den Gletscherbruch zum Osereo Akemskoje zurück. Hier haben wir dann richtigen Respekt vor unserem Orientierungsvermögen beim Aufstieg bekommen.
Die nächsten 4 Tage vom Osero Akemskoje sind wir getrennt gelaufen (Anja hatte ja noch Zehenprobleme). Carsten, Torsten und Ich sind das Kutscherla Tal zurück nach Kutscherla gelaufen. Auf dem Rückweg ist bei uns dann schon der Gedanke an ein Flussfahrt entstanden – mmmhh es gab aber keine Boote, also selbst eins bauen. Hier ist die Idee vom Floß geboren worden. Torsten und Ich haben inzwischen schon erste Berechnungen zur Tragfähigkeit von Holz angestellt. Die nächsten paar Tage waren wir nach Gorny Altaisk unterwegs. Dabei haben wir unterwegs mitten in einem Dorf namens Tschendek gezeltet – es kam dann Abends mehrmals jemand vorbei und fragte, ob wir Fisch, Fleisch usw. benötigen. Als dann jemand vorbeigeritten kam uns Milch anzubieten, haben wir nicht länger gezögert. Also sind wir mit ein paar Siggflaschen mitgekommen – erst wurde die Mutti und anschließend die Kuh geholt und wir haben richtig frische Milch bekommen – die schmeckte eigenartigerweise gar nicht so anders als unsere Vollmilch.
Zurück in Gorny Altaisk haben wir uns zwei riesige Äxte für ca. 4,-DM gekauft, diverse Kg Nägel (20cm lang!) und 250m Strick. Im Altai hatte inzwischen der Herbst Einzug gehalten und wir wollten uns dem etwas niederen Teil des Altais widmen. Es ging wieder per Bus zum Teleceskojesee. Dieser See sieht aus wie ein Schuh und ist fast 80km lang und glasklar. Es gibt keinerlei Wege am Ufer, deshalb kann der See nur per Boot bewundert werden. Wir haben zunächst in der Nähe einer Turbasa mit herrlicher Holzsauna gezeltet und wurden gleich am 2. Abend eingeladen mit den Leuten aus dem Dorf zur Apfelernte am anderen Ende des Sees zu fahren. Am nächsten Morgen früh um 8 ging es los, alle Leute kamen mit vielen leeren Kisten und dann schipperten wir fast 5h über den See zur Apfelplantage. Es war eine herrliche Fahrt. Dort angekommen hauten wir uns erst mal die Bäuche voll – nicht alle, weil Anja und Torsten mit üblen Durchfall im Zelt lagen. Der Rest tat also was für die Gerechtigkeit und aß um so reichlicher Äpfel, damit die beiden nicht die einzigen mit Bauchweh waren. Am Abend saßen wir dann noch mit einigen Russen am Ufer und es wurde Gitarre gespielt – ein herrlicher Abend.
So am nächsten Morgen war es dann so weit, wir zogen um, zum Abfluss des Sees dem Fluss Bija. Und wanderten ein Stück abwärts zu einer schönen Stelle. Hier sollte dann unsere „Werft“ sein – innerlich waren wir seit Tagen nur noch bei dem Gedanken Floßbau.
Zunächst waren wir uns überhaupt noch nicht sicher, ob das Projekt überhaupt realisierbar sei, weil unsere Berechnungen ca. 5t Holz ergaben, die wir für ein 5-Mann(Frau) Floß, benötigen würden. Wir wollten aber keine neuen Bäume schlagen, sondern nur Altholz verwenden – deshalb waren wir auch sehr skeptisch. Die nächsten 2½ Tage vergingen ganz im Rhythmus der schlagenden Äxte. Doch dann war es fertig – und es schwamm und trug uns mit samt Gepäck. Von den vielen technischen Diskussionen über wesentliche und unwesentliche Detailfragen wie Steuerung, Überdachung, Taufe! will ich hier gar nicht weiter berichten. Nach der Taufe auf Ancadasoto war das bangen groß – wir konnten ja keine Probefahrt auf der doch recht starken Strömung machen. Zur Steuerung hatten wir 2 Ruderböcke mit 2 Rudern, 1 Reserve Ruder und 3 ca. 4m lange Staken. Also los ging es…., nach den ersten 50m waren bereits 2 Ruder gebrochen und die Staken waren im tiefen Wasser wirkungslos. Etwas kontrolllos schwammen wir dahin. Um die nächste Kurve hörten wir es rauschen und der Fluss verengte sich, ca. 400m vor uns waren weiße Schaumkronen zu sehen. Immer noch steuerlos sprangen Sören und ich jeweils mit Strick im Mund ins Wasser und haben versucht unser Floß aus der Strömung zu ziehen – mit Erfolg. An Land wurde unser Boot zunächst generalüberholt und vor allem die Ruder etwas solider und größer gebaut. Nach Begutachtung der Stromschnelle haben wir beschlossen wenigstens das Gepäck für dieses Stück auf dem Landweg zu transportieren. Danach ging es los – in Badehosen. Anja und Sören warteten unterhalb mit Gepäck auf den zugeworfenen Strick- der natürlich prompt riss! Aber irgendwie kamen wir ein paar hundert Meter später doch ans Ufer – diesmal sogar ohne Baden. Nachdem dieses Stück relativ problemlos überstanden war sind wir noch fast 2 Tage auf dem Fluss unterwegs gewesen und hatten noch einige schlimmere Stromschnellen. Am 2. Tag Abends ist dann schließlich der GAU eingetreten, wir sind mitten in einer Stromschnelle aufgelaufen und kamen nicht wieder fort. Wir haben über eine Stunde an dieser Stelle gebraucht, ehe wir das Floß wieder in Gang hatten. Das war uns dann doch genug und wir stiegen schweren Herzens wieder auf den Bus um. Dazugesagt werden muss, bei der Hinfahrt haben wir vom Bus aus unseren Fluss oft gesehen und immer zog er friedlich dahin. Erst im nachhinein ist uns klar geworden, dass die Strasse gerade an den Stromschnellen und Felskorridoren nicht direkt am Fluss entlangführt.
Die nächsten 4 Tage waren wir mit Bus und Zug auf der Transsibirischen Eisenbahn zum 2000km entfernten Baikalsee unterwegs. Inzwischen wurde es immer kälter und der Baikal empfing uns mit Schneeschauern, aber es sollte wieder schöner werden. Der Baikalsee ist 600km lang und 1400m tief und trotzdem glasklar, man kann das Wasser trinken. Es ist einfach beeindruckend davor zu stehen. Da wir noch eine Woche Zeit hatten sind wir am Ufer des Baikalsees ein kleines Stück (80km) bis zum südlichen Ende des Sees gewandert.
Zurück in Irkutstk verbrachten wir die letzten 2 verbleibenden Tage auf den Märkten. Abends gönnten uns im Orbit-Klub eine richtige Techno-Session – mit etwas alkoholischer Nachhilfe war es dann auch sehr lustig.
Das sollte der Abschluß unseres Urlaubs sein….